Version 7: Die neuen Kumite-Wettkampfregeln

Am Kinderturnier Junior League Herzogenbuchsee wurde erstmals die neue Version 7 der Wettkampfregeln der World Karate Federation (WKF) angewendet. Für die Wettkämpfer, deren Coachs, aber auch für die Schiedsrichter in der Schweiz bricht damit eine neue Ära an - sofern diese nicht abgewürgt wird.

Als Rudi Seiler, von einem internationalen Turnier zurückkommend, von den Bestrebungen der WKF berichtete, die Wettkampfregeln grundlegend zu überarbeiten, rümpfte ich die Nase. Nicht dass ich generell gegen Neuerungen und Weiterentwicklungen bin, aber die skizzierten Ideen schienen mir eher rückwärts gerichtet zu sein. Die Hoffnung, die abstrusen Neuerungen mögen bloss ein Säbelrasseln unzufriedener Karate-Nationen sein, verflog rasch. Die WKF hat Ernst gemacht und nach mehreren Versuchen an internationalen Turnieren wurden die neuen Regeln im November festgeschrieben und publiziert. Ende desselben Monats wurden diese neuen Regeln erstmals an einem Turnier in der Schweiz angewendet. Am Junior League in Herzogenbuchsee sprangen Wettkämpfer, Coachs und Schiedsrichter gleichermassen ins kalte Wasser – und das Schwimmen viel uns gar nicht so schwer.

Was ist neu?

Die Änderungen betreffen ausschliesslich die Kumite-Disziplinen, die Kata-Wettkämpfe verlaufen wie bis anhin.

Wertungen

In Kumite erhalten die Punktwertungen neue Namen: Ippon heisst nun Yuko (1 Punkt), Nihon heisst nun Waza-ari (2 Punkte) und Sanbon heisst nun Ippon (3 Punkte). Nicht geändert haben sich jedoch die Zuordnungen der Techniken. Nach wie vor geben Faustschläge 1 Punkt, Chudan-Fusstritte 2 Punkte und Jodan-Fusstritte sowie Techniken zum am Boden liegenden Gegner 3 Punkte.

Verwarnungen und Strafen

Bei den verbotenen Verhalten wurden die Strafpunkte abgeschafft. Chukoku, Keikoku und Hansoku-Chui sind allesamt Verwarnungen, welche keine Punkte für den Gegner nach sich ziehen. Hansoku und Shikkaku sind die einzigen Strafen und sie haben weiterhin die Disqualifikation zur Folge. Die folgende Tabelle zeigt, wie sich diese Neuerung auf den Kampfverlauf auswirken kann:

Verbotenes Verhalten

Beim Katalog verbotenen Verhaltens hat sich nur eine Kleinigkeit geändert. Die Kategorie 2 (Vergehen ohne Verletzung des Gegners) wurde durch das Element Passivität ergänzt. Wettkämpfer, welche über eine gewisse Zeit den Kampf nicht aktiv gestalten, werden verwarnt.

Kampfgericht

Das Kampfgericht besteht weiterhin aus dem Referee (Hauptkampfrichter) und aus neu 4 statt 3 Judges (Seitenkampfrichter mit Flaggen). Die Judges sind in den Ecken der Wettkampffläche positioniert (vgl. Abbildung).

Rolle des Referees

Der Referee nimmt in den neuen Regeln eine signifikant andere Rolle ein. Er hat selbst kein Stimmrecht mehr. Unterbricht er den Kampf, trifft er jene Entscheidungen, die von mindestens zwei Judges signalisiert wird. Zudem ist er verpflichtet, den Kampf zu unterbrechen, wenn mindestens zwei Judges dasselbe signalisieren. Der Referee verliert deutlich an Einfluss bei den Entscheidungen, wie die Tabelle zeigt.

Weitere Neuerungen

Sai Shiai (Zusatzkampf bei Unentschieden) gibt es nicht mehr. Haben beide Wettkämpfer nach Ende der Kampfzeit dieselbe Punktzahl, entscheiden die Kampfrichter direkt mit einer Abstimmung (Hantei).

Auswirkungen…

…auf die Kämpfe

Die Erfahrungen der nächsten Jahre werden zeigen, wie sich die Regeln auf die Kämpfe auswirken. Folgende Auswirkungen lassen sich vermuten:

  • Langweilige Kämpfe, bei denen lange nichts passiert, wird es nicht mehr geben.
  • Niemand gewinnt mehr durch Strafpunkte, ohne selbst Punkte erzielt zu haben.
  • Undeutliche, kurze und fürs Publikum kaum wahrnehmbare Techniken werden eliminiert, da sie kaum mehr zu Punkten führen.

…auf Aussenstehende

Die Gemüter der Coachs und Zuschauer werden beruhigt. Da der Referee an Einfluss auf die Entscheidungen verliert, muss er sich mit unpopulären Entscheidungen nicht mehr exponieren. Er bietet damit weniger Angriffsfläche. Die Judges wiederum haben ihre fixe Position und werden daher nicht stärker ins Rampenlicht rücken als zuvor.
Die neuen Regeln eliminieren zudem das Dogma, wonach jede gute Technik gewertet wird. Dieser Anspruch gilt nun nicht mehr. Viel mehr gilt, dass eine Technik nebst allen Kriterien auch von mindestens zwei Judges als gut erkannt werden muss. Dieser feine Unterschied wird dazu beitragen, dass Entscheidungen des Kampfgerichts besser akzeptiert werden.

…auf das Schiedsrichterwesen

Nicht unerheblich werden die Auswirkungen auf das Schiedsrichterwesen sein. Ich denke hierbei nicht an Umgewöhnung von jahrelang einstudierten Routinen, sondern an die neuen Rollenverständnisse. Judges sind nicht mehr bloss die Assistenten des Referees. Sie brauchen mehr denn je ein unabhängiges und eigenständiges Auftreten. Sie können sich nicht mehr auf die Empfehlung des stets besser positionierten Hauptkampfrichters stützen, sondern müssen diesen durch ihr Urteil leiten, Entscheidungen zu treffen.

Damit ist auch die Zeit vorbei, als unerfahrene oder wenig kompetente Schiedsrichter auf einem Stuhl am Rand der Wettkampffläche parkiert wurden. Der Referee konnte es ja dann richten, wenn sie der Herausforderung nicht gewachsen waren. Hier braucht es ein Umdenken in der Ausbildung der Schiedsrichter. Unser Fokus muss stärker auf den Einsteigerinnen und Einsteigern liegen. Sie müssen kompetent an ihre Rolle als Judges herangeführt werden. Theoretisches Wissen eintrichtern reicht nicht mehr, es braucht auch ein gut geschultes Auge. Dies muss in der Ausbildung berücksichtigt werden. Denn mit dem leicht gesteigerten Personalbedarf können wir es uns weniger denn je leisten, potenzielle Talente durch die langsamen Mühlen des heutigen Systems zu würgen bis sie – nach zehn Jahren – genug Erfahrung haben, um Kämpfe wirklich leiten zu können. Die Turniere der Junior League (auch das Dojo interne Sütt-Turnier) bieten einen ausgezeichneten Rahmen, den Nachwuchs adäquat zu fördern.

Die Schweiz ist gut beraten, die neuen Regeln ab 2012 vollumfänglich zu übernehmen. Die Herausforderung ist gross, aber durchaus zu bewältigen. Der zusätzliche Bedarf an Schiedsrichtern ist kein taugliches Gegenargument. Es braucht pro Kampffläche gerade mal eine Person mehr, an einem grossen Turnier also sechs zusätzliche Schiedsrichter. Zum Vergleich: alleine in Herzogenbuchsee haben 7 neue Schiedsrichter ihre erste Prüfung absolviert. Können wir dieses Niveau über Jahre hinweg halten, so erhalten wir nicht bloss die Chance, endlich Turniere mit ausreichend Schiedsrichtern bestreiten zu können, sondern mittelfristig auch einen Generationenwechsel herbeizuführen, den das Schiedsrichterwesen in der Schweiz nötig hat.

Bastian Stalder
1. Dezember 2011

Kommentare

Bastian: Im Originaldokument der WKF sind noch einige kleine Fehler enthalten. Das Dokument wurde entsprechend korrigiert und als Version 7.1 publiziert. Die deutsche Übersetzung wird demnächst angepasst.
Bastian: Die deutsche Übersetzung wurde auf die Version 7.1 aktualisiert, ebenso die Kurzfassung für Coachs.

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